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Erste Etappe Schweiz - Thailand
Teil
4: Russland, Juni 2008
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Schlechte
News: Die Neuigkeiten, die mich in den letzten Tagen
aus den Internetforen der Rad-Fernfahrer erreichten, lassen für
den weiteren Verlauf der geplanten Tour nichts Gutes erahnen. China
soll angeblich im Vorfeld der Olympiade seine Visapolitik dahin
geändert haben, dass Visa zurzeit nur noch auf Vorweisen eines
Rückflugtickets und einer entsprechenden Hotelbuchung ausgestellt
werden. Ich wollte das Visa für China eigentlich in Almaty,
Kasachstan organisieren. Hätte ich es noch in der Schweiz ausstellen
lassen, wäre es bei der Ankunft an der chinesischen Grenze
bereits verfallen gewesen.
Doch das ist noch nicht alles: Die nach den Unruhen auf Mai geplante
Öffnung von Tibet für den Tourismus wurde auf unbestimmte
Zeit verschoben. Man munkelt in den Internetforen der Rad-Fernfahrerkreise,
dass Touristen erst wieder nach den Paraolympics im Oktober in das
Hochland reisen dürfen.
Also muss ein Plan B her (mit der Ausarbeitung von Plan C darf ich
hoffentlich noch etwas warten).
Auf alle Fälle fahre ich nun bis Almaty und sehe dort weiter.
Es gibt zurzeit verschiedene Alternativen:
1) Das chinesische Visa in der Schweiz besorgen (teuer und aufwändig!)
2) Warten auf die Zeit nach der Olympiade in der Hoffnung, dass
die Chinesische KP die Visabestimmungen wieder lockert (womit zu
rechnen ist, wobei es dann für Tibet wohl zu spät im Jahr
ist).
3) Eine ganz andere Route fahren (z.B. durch Russland in die Mongolei
und ca. im September mit der gleichen Hoffnung das chinesiche Visa
in der mongolischen Hauptstadt Ulaan Bator beantragen).
4) Wohl oder übel China überfliegen (was sehr schade wäre
und wohl die schlechteste Alternative darstellt). |
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Bild:
Die ersten Eindrücke von Russland (an der Küste des Asowschen
Meeres). Die Strassen sind einiges besser als in der Ukraine und
auch der Verkehr verläuft etwas geordneter.
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Der
Weg führte mich vom Asowschen Meer nach Krasnodar, einer Grossstadt,
die ich besser nicht angesteuert hätte, denn das Gewusel auf
den Strassen, der rücksichtslose und laute Verkehr und die
innerorts schlechten Strassen sind wohl die Hölle für
jeden Radfahrer. Eigentlich wollte ich in Krasnodar das Visum registrieren
lassen (jeder Nicht-GUS-Bürger hat dies nach seiner Ankunft
in Russland innerhalb von drei Tagen zu tun), leider aber war die
entsprechende Amststelle wegen des Nationalfeiertags 4 Tage geschlossen
- also fuhr ich unverrichteter Dinge weiter nach Elista zu den Kalmücken
um das Visum dort registrieren zu lassen. |
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Bild:
Die Landschaft in den Oblasten (Verwaltungsgebiete) Krasnodar und
Stavropol ist geprägt von unendlich weiten Weizenfeldern, die
alle paar Kilometer von einer Baumreihe unterbrochen sind um die
Felder vom Wind zu schützen. Die Baumreihen bieten auch immer
gute und diskrete Plätze zum Campieren.
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Bild:
Noch 241 km nach Elista.
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Bild:
An einem dieser Schlafplätze wuchs just neben dem Zelt ein
kräftige Hanfstaude ("Cannabis Sativa" für den
geneigten Botaniker) und betörte mich beim Einschlafen mit
ihren Gerüchen und Dämpfen. Morgens um sechs, als ich
erwachte, war mein Bewusstsein ganz erweitert (man beachte den geläuterten
Blick). Die Wirkung indes hielt nicht lange an, denn schon bald
danach war das Bewusstsein wieder so unzulänglich wie eh und
je. Allerdings kann ich seither, ein linguistischer Geistesblitz
durch die Bewustseinserweiterung, in den Restaurants neben Borschtsch
nun auch Kartoffelgerichte bestellen - was in meinem in Russland
eher beklagenswerten kulinarischen
Dasein
die definitive Kehrtwende zum Besseren darstellt.
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Über
den Fluss Manytsch fuhr ich in die russische autonome Republik Kalmückien
und somit in eine völlig andere Welt. Innerhalb weniger Kilometer
wurde die Landschaft zu einer baumlosen Steppe und die wenigen Dörfer
sind nicht mehr von Russen bewohnt, sondern von Kalmücken,
einem westmongolischen Volk, das im frühen 17. Jahrhundert
aus seiner Heimat in Xinjiang (Westchina) auszog und sich ab 1632
in den Steppen links und rechts der unteren Wolga niederliess. |
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Bild:
Der Fluss Manytsch, so breit wie ein grosser See. Der Fluss wid
oft als die östliche Grenze Europas angesehen. Tatsächlich
gibt es aber besonders zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer
in Ermangelung einer klaren marinen Grenze keine verbindliche Definition
über den Grenzverlauf Europas. In Frage kommen der Fluss Manytsch
(somit wäre ich bereits in Asien),
das Kaukasus-Gebirge (dito) oder der
Fluss Ural (womit ich erst in ein paar hundert km in Asien wäre). Da soll noch
einer wissen, wo er ist! Wahrscheinlich
am besten in Eurasien.
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Bild:
Als Willkommensgruss empfing mich in Kalmückien eine blitzende
und grollende
Gewitterfront. Vom Unwetter selber
wurde ich zum Glück grösstenteils verschont.
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Bild:
Nur noch ein paar spärliche Büsche entlang der Strasse
bieten Schutz vor neugierigen Blicken. Im hohen Gras tummelt sich
allerlei Getier, auch bunte Schlangen haben mich schon für
einen Moment lang neugierig besucht.
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Kalmückien
ist mit nur 3,7 Einwohnern pro Quadratkilometer eines der am dünnsten
besiedelten Gebiete der Welt. Zwischen den einzelnen Dörfern
liegen inzwischen Distanzen von ca. 50km und der Verkehr wird weniger
und weniger. Mit der Grosslandschaft Kalmückien und der Vorfreude
auf die kommende Kasachische Steppe erhält die ganze Velotour
eine neue Dimension und kommt mit jedem Tag ein bisschen näher
an die Grenzen Europas. |
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Bild:
Kurz vor Elista ist die Landschaft endgültig zur kahlen Steppe
geworden.
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Die
Kalmücken sind trotz der Distanz zu ihrem Stammland und der
brutalen Unterdrückung durch Stalin im Zweiten Weltkrieg ihrer
Tradition und Kultur treu geblieben. Der Diktator liess 1943 das
ganze Volk unter dem Vorwurf der Kollaboration mit den deutschen
Besatzern nach Sibirien zwangsumsiedeln und aus der Liste der Völker
der Sowjetunion streichen. Rund 30% der Deportierten kamen dabei
ums Leben. Unter Chruschtschow durften um 1958 die Übelebenden
dieses Genozids wieder nach Kalmückien zurückkehren.
Die Kalmücken sind das einzige Volk Europas, das mehrheitlich
buddhistisch ist. Sie sind, wie andere mongolische Völker auch,
Anhänger des Tibetischen Buddhismus und verehren den Dalai
Lama als ihr geistiges Oberhaupt. |
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Bild:
Buddha-Statue im Stadtpark von Elista.
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Bild:
Ein Blick über Elista in der Abenddämmerung (mit aufgehendem
Mond).
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Mit
Erstaunen habe ich festgestellt, wie lebendig der Buddhismus in
Kalmückien ist. Zufällig stolperte ich genau zur grössten
Buddhistischen Feier (Vesakh) in den "Goldenen Tempel"
von Elista. Unzählige Leute waren erschienen, spendeten dem
Kloster Geld und Nahrungsmittel und verehrten demütig den Prinz
Sidhartha Gotama, besser bekannt unter dem Namen "Buddha"
(wörtlich: "der Erwachte"). Die Buddha-Statue ist
rund 9m hoch und die grösste ihrer Art in Europa. |
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Bild:
Haupthalle des "Goldenen Tempels" während der Vesakh-Feier.
Vesakh ist der bekannteste buddhistische Feiertag und wird zum Gedenken
an Buddhas Geburt, Erwachen und vollkommenen Erlöschens abgehalten.
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Bild:
Der "Goldene Tempel" von Elista. "Om mani padme hum".
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Von
Elista fuhr ich weiter durch die einsame und weite Steppe in Richtung
Astrakhan. In dieser Landschaft erfährt man schon Glück
und Zufriedenheit, wenn man genug Wasser und Brot dabei hat. Wer
kann eine solch einfache und erfüllende Genügsamkeit in
einem häuslichen Dasein schon geniessen? |
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Bild:
Hunderte von Kilometern durchzieht die einsame Strasse weitläufige
Steppe.
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Sergei,
ein tschetschnischer Viehzüchter, kam mit seiner Kuhherde um
halb sieben Uhr morgens zu meinem Zelt zu einem freundlichen Schwatz
über interkontinelntales Rad fahren, schweizer Berge, kasachische
Steppe und Krieg in Tschetschenien. Er wollte unbedingt noch auf
ein Foto mit dem Fahrrad, seinen Kühen und dem Zelt im Hintergrund.
Natürlich erfüllte ich ihm diesen Wunsche gerne. |
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Bild:
Sergei mit seinen Kühen, dem Fahrrad und dem Zelt im Hintergrund.
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Mit
der Ankunft in Astrakhan ist der Weg durch Russland schon fast abgeschlossen.
Es fehlen noch etwa 50km bis an die kasachische Grenze und rund
300km an die Grenze Europas. Asien ist zum Greifen nah. |
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Bild:
Blick auf die Wolga und die Stadt Astrakhan.
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Bild:
Sonnenuntergang an der Wolga in Astrakhan
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Bild:
Typische russisches "Heimetli" in den Aussenbezirken von
Astrakhan.
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