| |
| |
|
Erste Etappe Schweiz - Thailand
Teil
8: Kirgistan , September & Oktober 2008
|
 |
 |
| Bild:
Höhen- und Geschwindigkeitsprofil Bischkek - Kaschgar |
|
Von
Bischkek habe ich mich auf den Weg nach Osch gemacht und musste dabei als erste
Hürde den 3195m hohen Töö-Aschun Pass überwinden (2300m Steigung
ab Bischkek). In den engen Tälern des nördlichen Tienschan Gebirges
verschwindet die Sonne bereits am frühen Nachmittag und gegen Abend sinken
die Temperaturen nahe an den Gefrierpunkt.
|
|
Bild:
Camping im Aufstieg zum Töö-Aschun Pass. Um der Kälte zu trotzen
habe ich zwei Jacken und zwei Hosen an und trinke heissen Tee.
|
|
Ein
Besucher am nächsten Morgen früh, der selbstgedrehte Zigaretten aus
altem Zeitungspapier und einem äusserst billigen Tabak rauchte, hat mich
freundlich nach Zigaretten und Wodka gefragt. Da ich ihm beides nicht anbieten
konnte, habe ich eine Rolle Kekse aufgemacht und ihm davon offeriert. Zufrieden
hat er kurzerhand die ganze Rolle in seinen Hosensack gesteckt und ist mit seinen
Ziegen wieder davongezottelt. |
|
Bild:
Besucher am frühen Morgen beim Zelt.
|
 |
|
Bild:
Dem Pass entgegen
|
 |
Kurz
vor der Passhöhe windet sich die Strasse in unzähligen Serpentinen weiter
und weiter in die Höhe. Die Luft wird beim Rad fahren ab 2500m spürbar
dünner. |
|
Bild:
Serpentinen kurz vor der Passhöhe.
|
 |
Auf
der anderen Seite des Passes erwartete mich ein Hochtal (ca. 2500 m.ü.M.),
in dem viele Landwirte ihr Vieh sömmerten und entlang der Strasse vergorene
Stutenmilch verkauften. In der eiskalten Abenddämmerung kam mit der einfallenden
Nacht ein unglaublich klarer Sternenhimmel zum Vorschein. Staunend und bibbernd
stand ich da und schaute einziehend, was Wimpern und Netzhaut hergaben. |
|
Bild:
Sternenhimmel im Hochtal von Ötmök (Langzeitbelichtung). In der eiskalten
Höhenluft war das Wasser in den Trinkflaschen bereits um ca. 22:00 durchgefroren.
|
 |
Das
Hochtal schliesst mit dem 3175m hohen Ala-Bel Pass ab. Als ich das Velo zusammen
mit dem Schild ablichten wollte, fragten mich spontan einige Strassenarbeiter
und tadschikische Touristen ob sie auch mit auf das Foto dürften. Selbstverständlich
erfüllte ich ihnen diesen Wunsch gerne.
In einer rauschenden Abfahrt
auf guter Strasse fuhr ich nachher zum 2300m tiefer gelegenen Toktogul-Stausee
hinunter und weiter durch die Ferghana Bergkette. |
|
Bild:
Spontane Fotosession auf dem Ala-Bel Pass.
|
 |
|
Bild:
Durch die Ferghana-Bergkette (Teil des Tienschan Gebirges) zum gleichnamigen Tal.
|
 |
Osch,
am Rand des Ferghanatals und zweitgrösste Stadt Kirgistans, soll laut Überlieferung
rund 3000 Jahre alt sein und war lange eine bedeutende Station der Seidenstrasse.
Die Bevölkerung zählt rund 250T Personen und ist ethisch sehr durchmischt
(Usbeken, Kirgisen und Tadschiken). Während der Auflösung der Sowietunion,
im Jahr 1990, kam es in der Gegend zu blutigen Ausschreitungen. Das geschichtlich
und wirtschaftlich zusammenhängende Ferghanatal ist seither durch internationale
Grenzen zerschnitten und Osch somit von seinem Hinterland abgetrennt. Erst der
kürzlich erfolgte volle Ausbau der Strasse durch das Tienschan-Gebirge nach
Bischkek hat Nord- und Südkirgistan wirtschaftlich wieder zusammengeführt.
Das
Wahrzeichen von Osch ist der steil aufragende Suleiman-Berg, ein beliebtes Ausflugsziel
und muslimischer Pilgerort. Mohammed Babur Khan (1483 - 1530), zentralasiatischer
Fürst und Begründer der indischen Moguldynastie, die bis in das 18.
Jahrhundert bestand, soll lange auf diesem Berg gesessen haben und seine Lage
überdenkt haben, bevor er mit seiner Armee nach Indien aufbrach, das Sultanat
von Delhi eroberte und so zum ersten Grossmogul Indiens wurde.
Mit der
Ankunft im Ferghanatal und Osch habe ich das Tienschan-Gebirge hinter mir gelassen
und fahre weiter durch das Pamir-Gebirge nach Erkestam, an die chinesische Grenze. |
|
Bild: Aussicht vom Suleimanberg über Osch.
|
 |
|
Bild:
Die gleiche Aussicht eine halbe Stunde später in der fortgeschrittenen Abenddämmerung.
|
 |
Von
Osch bin ich in die Vorberge des Pamirgebirges gefahren und über den Chyrchyk
Pass (2408 m.ü.M.) nach Gülchö gekommen. Auf der Passhöhe
hat eine kirgisische Familie das Ende des Ramadan gefeiert und mich spontan zu
einem Picknick eingeladen, wobei ich aus lauter Gastfreundschft zwei grosse Gläser
Wodka saufen musste (ca. 3 dl). Ziemlich angetrunken bin ich den Pass hinunter
nach Gülchö ins Hotel gefahren und habe dort alle Viere von mir gestreckt. |
|
Bild:
Aussicht vom Chyrchyk
Pass.
|
 |
Im
Hotel von Gülchö habe ich Luca, Nazareno und Flavio aus "bella
Italia" getroffen, die mit ihren Fahrrädern auch auf dem Weg nach Kaschgar,
China waren - wohin wir dann zusammen gefahren sind. |
|
Bild:
Mit Luca, Nazareno und Flavio durch die Täler des herbstlichen Pamir dem
Taldik-Pass entgegen.
|
 |
|
Bild:
Herbststimmung im Pamir
|
 |
|
Bild:
Kinder Kirgistans (im Pamir). Die Täler sind bis auf ca. 3000m Höhe
bewohnt.
|
 |
Spät
am Abend erreichten wir den 3615 m hohen Taldik-Pass. Die schlechte Strasse und
die dünne Höhenluft brachten mich an meine physische Grenze. Zum Glück
wurden wir an diesem Tag erst nach der Abfahrt, bereits im Alau Tal angekommen,
zum Wodka trinken eingeladen... |
|
Bild:
Im Aufstieg zum Taldik-Pass.
|
 |
Angekommen
im Alau Tal (an der Grenze zu Tadschikistan, das Tal selber liegt auf über
3000 Meter Höhe) eröffnete sich eine wunderbare Aussicht auf den hohen
Pamir. Über all den mit Gletschern verhangenen Gipfeln thront der 7134m hohe
"Pik Lenin". |
|
Bild:
Chinesiches Strassenbaucamp im kirgisischen Alau Tal. Im Hintergrund ist die Alau
Bergkette mit dem "Pik Lenin" zu sehen. Die Bergkette
bildet gleichzeitig die Grenze zu Tadschikistan.
|
 |
|
Bild:
Auf hundslausiger Strasse nach Erkestam, der chinesischen Grenze entgegen.
|
 |
Angekommen
an der Grenze mussten wir ernüchtert feststellen, dass sämtlicher Grenzverkehr
auf Grund eines Feiertags (Ende des Ramadan) für 4 Tage eingestellt war.
Das Grenzdorf, ein gottverlassener Wagenpark, sah auf den ersten Blick nicht gerade
sehr einladend aus. |
|
Bild:
Der kirgisische Grenzposten Erkestam.
|
 |
Als
wir da ziemlich ratlos an der Grenze standen und sich herausstellte, dass das
einzige Gästehaus im Ort ein verdrecktes Rattenloch ist wie nie zuvor gesehen,
hat uns Rosa (im Bild) für ein kleines Entgelt Asyl in ihrem Wohnwagen angeboten
(Vollpension für 4€ pro Tag und Person). |
|
Bild:
"Hotel Rosa"
|
 |
Nazareno
hatte schon auf dem Weg nach Erkestam leichte Temperatur. Zu unsrem Erschrecken
entwickelte er bis Abends über 40° Fieber, Bauchweh und Durchfall! Und
das in dieser gottverlassenen Gegend! Nachdem unsere Versuche mit Aspirin und
Antibiotoka nicht wie gewünscht fruchteten, und wir gar eine Blinddarmentzündung
befürchteten, rief unsere Gastgeberin Rosa die örtliche Krankenschwester.
Diese diagnostizierte eine zünftige Gastritis und verpasste dem Patienten
Nazareno eine Kur an Medikamenten, die ohne weiteres für ein stattliches
Ross ausgereicht hätte. Zu unserer Beruhigung war Nazareno am nächsten
Tag wieder einigermassen auf den Beinen. |
|
Bild:
Nazareno in ärztlicher Behandlung.
|
 |
|
Bild:
In der Küche des "Hotel Rosa", wo gerade ein leckeres "Lagman"
in der Pfanne bruzzelt.
|
 |
Erdbeben
im Pamir: In der Nacht vom 05.10.2008 bebte die Erde im Pamir mit geschätzten
6 bis 6,9 auf der Richterskala. Und wir, ich und meine italienischen Radlerfreunde,
waren mitten im Epizentum. Erkestam selber, wo wir wohnten, wurde grösstenteils
verschont, da die Wohnwagen den Erschütterungen problemlos standhielten.
Nura aber, ein Nachbardorf nur 3km entfernt, wurde bis auf 3 Gebäude komplett
zerstört. Im Boden sind grosse Spalten aufgerissen, die Leute rannten in
Panik aus ihren einstürzenden Häusern, Rettungskräfte vor Ort bestätigten
über 100 Tote in Nura allein. Wo früher ein ansehliches Dorf stand,
ist heute nur noch ein Trümmerfeld. Die Nachbeben waren noch bis 48 Stunden
nach den ersten, verheerenden Erdstössen zu spüren.
Es war sehr
traurig und schockierend, das Dorf Nura in diesem verwüsteten Zustand zu
sehen und die Trauer, den Schmerz und die Verzweiflung der betroffenen Menschen
aus nächster Nähe mitzuerleben, die auf solch tragische Weise ihre Liebsten
verloren und kurz vor dem Winter nichts mehr als das retten konnten, was sie auf
dem Leib trugen. Ich werde diese Bilder wohl nie mehr vergessen können. Mögen
diese Menschen eines Tages wieder glücklich sein! |
 |
Nächste
Seite / Teil 9: West
China |
 |
| nach oben |
| |
| |
|